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Panik City in Hamburg

20.03.2018

Lindenbergs Griff nach der Unsterblichkeit

Da darf die Eierlikörbar nicht fehlen: Udo Lindenberg ist längst zu einem Hamburg-Maskottchen geworden und weiß das bestens zu vermarkten. Jetzt gibt's den kompletten Udo-Kosmos im eigenen Museum.

Wer stirbt, sieht noch einmal das eigene Leben an sich vorbeirauschen. Heißt es zumindest. Auch bei Udo Lindenberg war das zuletzt öfter so. Allerdings nicht als Nahtoderfahrung; die Zeiten, als er sich mehrmals fast ins Jenseits gesoffen hätte, sind Geschichte. Sondern bei der Inspektion seiner sogenannten Panik City, einem ihm gewidmeten Multimedia-Museum in Hamburg.

Sie ist ein begehbarer Nachruf auf Lindenberg zu Lebzeiten, der Griff des 71-Jährigen nach der Unsterblichkeit. Und, ökonomisch gesehen, eine weitere kommerzielle Verwertung seiner selbst. An diesem Montag wird die Panik City in Betrieb genommen, auf der von Lindenberg als "geile Meile" besungenen Reeperbahn.

Rund 20-mal hat er den anderthalbstündigen Rundgang in den vergangenen Wochen durchlaufen. Am Wochenende konnte man ihm dabei zusehen. Den Museumswärter gab Corny Littmann, Besitzer des Schmidt Theaters, ehemals Präsident des FC St. Pauli, nun Gesellschafter der Panik City. Lindenberg wiederum ist Lizenzgeber und an den Einnahmen beteiligt.

Ist es wirklich Udo?

Zunächst steht er eine Weile vor dem Eingang. Hut, Sonnenbrille, im Mund eine E-Zigarette, die raucht er jetzt häufiger. Sind zwar nicht so cool wie seine Zigarren, aber gesünder. Er will ja noch als Hundertjähriger auf der Bühne stehen. Sagt er. Passanten prüfen, ob es wirklich Lindenberg ist und kein Doppelgänger. Oder eine Nachbildung, das Wachsfigurenkabinett ist schließlich nur ein paar Meter entfernt und wirbt auf Plakaten ebenfalls mit Lindenberg.

Als Hamburg-Maskottchen ist er der legitime Nachfolger der Volksschauspieler Heidi Kabel und Hans Albers. Nach beiden sind Plätze der Stadt benannt, nach Albers auch Kneipen, das Albers-Museum hingegen hat schon vor Jahren dichtgemacht.

Lindenberg betritt den Aufzug. Jemand aus seiner Entourage erzählt ihm vom Vorabend im Hamburger Thalia Theater. Premiere der Bühnenversion von "Panikherz", der Autobiografie des notorischen Lindenberg-Vergötterers Benjamin von Stuckrad-Barre. Ein "dicker Chinese" habe in Lindenberg-Montur auf der Bühne gestanden, ein Song von ihm sei zu hören gewesen, ansonsten habe das Stück mit ihm nichts zu tun.

Trabi, Honecker-Gitarre und Schwester Inge

Die Panik City. "Ready Teddy", sagt Lindenberg zur Begrüßung. Seine Stylistin, genannt "die Zarin", pudert diskret seine Nase. Fragen an Lindenberg bitte erst nach dem Rundgang. Des Zeitplans wegen.

Jeder Raum ist einem Topos aus dem Lindenberg-Kosmos gewidmet. Dem Hotel Atlantic etwa, seiner Wohnstätte. Ein eigenes Zimmer hat auch die DDR, gegen die er nach Kräften angesungen hat, einmal sogar im Palast der Republik. Auf einem Podest steht die Gitarre, die er einst Erich Honecker schenkte. Daneben ein Trabi, der Lindenberg gehört.

Es gibt eine Eierlikörbar und ein Tonstudio, in dem die Besucher gemeinsam mit dem per Video eingespielten Lindenberg einen Song aufnehmen können. Ein Raum stellt das westfälische Gronau dar, die Geburtsstadt des Sängers. Er und seine Schwester Inge unterhalten sich auf separaten Bildschirmen miteinander. Im Fenster seines stilisierten Elternhauses gibt ein Jugendfreund ein Statement ab.

Der echte Lindenberg spaziert in der Panik City durch sein virtuelles Leben und singt vor sich hin, dödö. Betrachtet er sich selbst auf der Leinwand, geht er ins Hohlkreuz und hält sich an seiner Gürtelschnalle fest. Nickend stimmt er den eigenen Videobotschaften zu: "Yeah." Zu Ausschnitten seiner Konzerte tänzelt er seinen Zappeltanz und lacht sein Hexenlachen: "Hähähä."

Knall, Rauch und Zisch

Zwischendurch beugt er sich zu einem herüber und hilft mit Erläuterungen. Er spricht leise und kommt einem sehr nah, was etwas Verschwörerisches hat, aber auch zu Kollisionen mit seiner Hutkrempe führt, vor allem, wenn man Brillenträger ist.

Lindenberg sagt, er habe kein herkömmliches Museum gewollt, sondern "ein modernes Ding, wo's knallt und raucht und zischt". Also gibt es Touch-Screens, auf denen die Besucher mit dem Finger Lindenberg-Bilder ausmalen und sich diese zumailen können.

Im letzten Raum setzt man eine Brille auf, die einen zu Lindenberg auf die Bühne beamt, in eine 360-Grad-Videoinstallation. Ein paar mehr Devotionalien, mehr Persönliches aus Lindenbergs Besitz, hätten der Ausstellung gutgetan.

Die Idee für ein Lindenberg-Museum ist mehr als zehn Jahre alt. Zunächst gab es keinen geeigneten Ort, ein angedachtes Domizil in Hamburgs Speicherstadt erwies sich als nicht zweckmäßig, zu viele Säulen.

Vor zwei Jahren schleppte Gesellschafter Littmann den damaligen Ersten Bürgermeister Olaf Scholz zu Lindenberg ins Atlantic, um gemeinsam über eine würdige Stätte zu beraten. Scholz, der Lockerheit gemeinhin unverdächtig, war auch auf einem Lindenberg-Konzert, in Lederjacke. "Ging gut ab", behauptet Lindenberg. Irgendwann ergab es sich, dass im Neubau neben Littmanns Theater noch Fläche frei war.

Die Eintrittspreise für die Panik City sind happig. Am Wochenende kostet ein Ticket mehr als 30 Euro. Aber bei Touristen sitzt das Geld locker, für sie ist die Ausstellung gemacht. Inzwischen sind es nicht mehr der Hafen oder die Alster, von denen sich Hamburg-Urlauber locken lassen. Sondern Attraktionen, die speziell ihretwegen errichtet werden: die diversen Musical-Theater oder das Modelleisenbahn-Wunderland. Über Kooperationen wird in der Panik City nachgedacht.

Weil es ihm wichtig ist, Lindenbergs historische Rolle zu würdigen, sagt Corny Littmann im DDR-Raum mit weihevoller Stimme: Wenn man Menschen im Osten der Republik frage, wer mehr für die Wiedervereinigung getan habe, Helmut Kohl oder Udo Lindenberg - dann falle die Antwort ziemlich eindeutig aus. Hähähä. Yeah.

Text: Alexander Kühn
Fotos: Tine Acke

Quelle: SPIEGEL.de, 19.03.2018